Eine zunehmend nihilistische Welt


TECHNOLOGIE: Die Welt wird immer nihilistischer, da immer klarer wird, dass die Menschheit nicht in der Lage ist, sich darum zu kümmern. Die Herausforderung, die Bernard Stiegler annimmt, besteht darin, den Weg zu einer alternativen Anthropologie aufzuzeigen - sowohl in der Praxis als auch in der Theorie.

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Philosoph. Permanenter Literaturkritiker in MODERN TIMES. Übersetzer.
Email: andersdunker.contact@gmail.com
Veröffentlicht am: 2019
Das Neganthropozän
Autor: Bernard Stiegler
Verlag: Öffnen Sie Humanities Press, Vereinigtes Königreich

Das Neganthropozän ist eine Sammlung der neuesten Artikel des französischen Philosophen Bernard Stiegler. Neue Leser werden durch eine gründliche Einführung des Übersetzers Daniel Ross in diese philosophische Landschaft aufgenommen, der zum stetig wachsenden Umfeld von Intellektuellen und Aktivisten gehört, die Stiegler umgeben. Im Zentrum dieser philosophischen Landschaft steht das Institut für Forschung und Innovation (Institut de recherce et d'innovation) - ein Forschungszentrum mit Büros im Centre Pompidou in Paris sowie die Ars Industrialis, die sich als "internationale Organisation für industrielle Geistespolitik" präsentiert.

Sowohl der Einzelne als auch die Gesellschaft insgesamt gewinnen immer mehr an Bedeutung
von Algorithmen und Automatisierungssystemen.

In Stieglers Autorenschaft ist die Frage nach Technologie und Innovation mit einem politischen und existenziellen Impuls verbunden. Sein eigenes philosophisches Erwachen kam, als er 1978-83 eine Gefängnisstrafe für bewaffneten Raub verbüßte. In der Einsamkeit der Zelle stellte er fest, dass Denken, Sprache und Schreiben im Wesentlichen Technologien waren, die ihn mit der Gemeinschaft verbanden. Denken ist ein Beitrag zur ständigen Überarbeitung der Welt durch die Gemeinschaft. Die Philosophie wurde in gewisser Weise zu einem isolierten Zustand, in dem das Leben nachlässig oder teilnahmslos gelebt wird. Wenn das Leben als etwas Gleichgültiges behandelt wird, haben wir es mit dem zu tun, was Nietzsche Nihilismus nennt.

Ein zentrales Argument in Das Neganthropozän ist, dass die Welt als solche in Gefahr ist, in einen solchen nihilistischen Zustand zu geraten, da immer deutlicher wird, dass Menschen nicht in der Lage sind, sich darum zu kümmern. Der Nihilismus ist nicht länger nur ein mentaler Zustand, sondern eine strukturelle Pathologie - eine Tendenz zu Chaos und Selbstzerstörung, die in die Industriegesellschaft selbst und den globalen Kapitalismus eingebaut ist.

Die zerstörerische Seite der Zivilisation

Die zerstörerische Seite des Menschen ist nichts Neues, sondern hängt mit der technologischen Beherrschung der Natur durch den Menschen zusammen. In den neuesten Arbeiten des Anthropologen Claude Lévi-Strauss findet Stiegler eine deprimierende Beschreibung des Menschen: Seit der Einführung des Feuers vor einer Million Jahren hat der Mensch "nichts anderes getan als mit dem Leben und dem Wunsch, Millionen von Strukturen abzubauen und auf einen Zustand zu reduzieren." wo sie nicht mehr integriert werden können. " Lévi-Strauss beschreibt den Naturkonsum der Kultur als einen entropischen Prozess, eine Bewegung in Richtung Chaos. Entropie, eines der Hauptkonzepte in Stieglers Buch, beinhaltet eine Bewegung von Ordnung zu Unordnung, bei der Energie verbraucht wird und dabei verloren geht, beispielsweise wenn ein Feuer niederbrennt.

Wenn das Gesetz der Physik der Entropie in der Kulturgeschichte angewendet wird, entwickelt sich eine eher trostlose Weltanschauung: Alle Prozesse der Welt bewegen sich in Richtung eines erschöpften und aufgelösten Zustands, der dem Potenzial verloren geht. Dies ist die Essenz dessen, was wir heute das Anthropozän nennen - die Epoche, in der menschliche Technologien sogar die geophysikalischen Prozesse der Erde destabilisieren. Unsere technologische Lebensweise stört gefährdete Ökosysteme, produziert giftige Substanzen, tötet Tierarten aus und stört die Welt mit alarmierender Geschwindigkeit.

Ein Ausweg aus dem Anthropozän

Im Gegensatz zu dieser allumfassenden Entropie entwickelt Stiegler das Konzept der "Negentropie". Einer von Stieglers Vorgängern in dieser Theorie der negativen Entropie ist der Physiker Erwin Schrödinger. In seinem Buch Wo ist das Leben? (1944) versteht die Shcrödinger-Negentropie als Markenzeichen allen Lebens. Wenn Zellen und Organismen Gestalt annehmen, bauen sie ein Potenzial auf - eine Ordnung, die Energie spart und damit den entropischen Antrieb in Richtung Chaos und Auflösung umkehrt. Das Leben schafft Techniken, um Tod und Zerfall in Schach zu halten: ein Immunsystem, eine regulierte Körpertemperatur, ein Stoffwechsel, der den Energieverbrauch ausgleicht.

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Die Herausforderung, die Stiegler annimmt, besteht darin, den Weg zu einer alternativen Anthropologie aufzuzeigen, die auf der Fähigkeit des Menschen beruht, das Leben zu schützen, zu integrieren und ihm zu helfen, sich zu entfalten. In diesem Sinne ist das "Negantropozän" ein erhebendes Konzept: Es stellt einen Ausweg aus der entropischen Störung dar, die im Anthropozän durch Wissen und neue Lebensweisen vorherrscht. Auf dem Weg muss es um einen neuen technologischen Ansatz gehen, der sich durch Aufmerksamkeit, Rücksichtnahme und Verantwortung auszeichnet.

Verlorenes Wissen, verlorene Kontrolle

Eine solche Trendwende ist schwierig, da die Außenwelt von technologischen Nebenwirkungen betroffen ist und unser Innenleben auch von der digitalen Mediengemeinschaft und der Informationstechnologie gestört wird. Im digitalen Umfeld wird unsere Aufmerksamkeit auf eine Ressource reduziert, eine Ware, die gekauft und verkauft werden kann, während die Fähigkeit zur Berücksichtigung und Verantwortung zunehmend durch neue technologische Hilfsmittel und automatische Prozesse ersetzt und außer Kraft gesetzt wird.

Was Silicon Valley-Auftragnehmer als "disruptive Technologien" bezeichnen - mit dem World Wide Web, Social Media und Smartphones als Kronenbeispielen - hat die Beziehung zwischen dem Einzelnen, dem Kollektiv und der Welt verändert. Die Interaktion zwischen Menschen wird zunehmend durch Algorithmen charakterisiert, die häufig aus finanziellen Interessen heraus entwickelt werden. Ein diskretes, aber wirkungsvolles Beispiel ist der Facebook-Feed: Die Algorithmen sind so konzipiert, dass sie im sozialen Netzwerk bleiben. Unsere Aufmerksamkeit wird erregt, sodass wir weniger aktiv auf das linkbasierte Netzwerk schauen. Wir werden zu kalkulierten Teilnehmern an automatischen Prozessen.

Die Aufgabe des Denkens

Dies geschieht auch auf kollektiver Ebene in der öffentlichen Verwaltung und in der Wirtschaft - wie die Erklärung von Alan Greenspan nach der Finanzkrise von 2008 deutlich machte: Das digitale Finanzsystem liegt trotz aller Listmechanismen außerhalb menschlicher Kontrolle. Wenn wir nicht in der Lage zu sein scheinen, ein unreguliertes Finanzsystem und eine außer Kontrolle geratene Konsumgesellschaft einzudämmen, leben wir in einer Gesellschaft mit Autopilot. Sowohl das Denken als auch die Verantwortung verschwinden, während ein künstlicher Idiot uns tödlich in die Irre führt.

Wenn die Automatisierung unsere Aktivitäten übernimmt und Entscheidungen in unserem Namen trifft, werden wir proletarisiert. In Stieglers Interpretation von Marx 'Konzept ist Proletarisierung vor allem ein Wissensverlust - das Verständnis, wie wir leben sollen. Dadurch verlieren wir auch die aktive Unabhängigkeit, die uns zu verantwortungsbewussten Menschen machen würde. Stattdessen erlauben wir uns, apathisch und nachlässig zu sein, geleitet von den Umständen. Im Anthropozän muss das Denken seine ursprüngliche Mission wieder aufnehmen: ein Wissen zu suchen, das das Leben bewahrt und uns zur Gesundheit führt.

Trotz seiner heftigen Kritik an der Lebensführung der Algorithmen und der Automatisierung der Gesellschaft versucht Stiegler in keiner Weise, neue Technologien abzulehnen. Tatsächlich versteht er politische Weisheit als eine weitreichende technische Angelegenheit. Wir müssen mit dem technologischen Fortschritt Schritt halten und sogar an der Spitze stehen, um bessere Lebenstechniken zu entwickeln. Das Ziel muss sein, eine kollektive Intelligenz zu schaffen - was Marx als "allgemeiner Intellekt" bezeichnet -, die der Situation ebenbürtig ist und die selbstzerstörerischen Tendenzen der Gesellschaft umkehren kann.

Ein Lerngebiet

Stiegler hat ein praktisches Projekt in der Plaine Commune initiiert, einer zusammengeschlossenen großen Gemeinde mit 400 Einwohnern nördlich von Paris. Zusammen mit politischen Führern arbeitet er daran, das Gebiet in ein demokratisches Labor zu verwandeln, das auf digitalen Plattformen basiert. Diese Initiative hat Schwesterprojekte in Durham, England und Guayaquil, Ecuador. Ziel ist es, das zu entwickeln, was Amartya Sen "kollektive Kapazität" nennt, Wissen, das den Menschen die Fähigkeit gibt, sich demokratisch an der Gestaltung der Gesellschaft zu beteiligen. Anstatt sich an ein System anpassen zu müssen, das von kommerziellen Interessen entworfen und diktiert wird, können die Bürger an der praktischen und sozialen Forschung teilnehmen, wo sie Instrumente entwickeln, um sich selbst zu regieren und besser zu leben. Stiegler vergleicht es mit einem Krankenhaus, das so konzipiert ist, dass Patienten durch Feedback und Vorschläge zu einer "kranken Einrichtung" neigen: Patienten werden von Opfern und Klienten zu Ärzten und Politikern.

Immer öfter hören wir von "intelligenten" Städten mit einer automatisierten Infrastruktur - gesteuert durch Sensoren, Algorithmen und automatische Systeme. Stiegler wird diese Technologien im Gegenteil einsetzen - um die Gesellschaft zu de-automatisieren und eine wirklich intelligente Stadt zu schaffen -, in der die Bürger zusammengebracht werden, um zu überlegen, Wissen auszutauschen und zusammenzuarbeiten. Die Fähigkeit zur politischen Partizipation ist das Gegenteil von passiver nihilistischer Gleichgültigkeit. Das Ergebnis wird das sein, was Stiegler als "Lerngebiet" bezeichnet, in dem experimentelle kollektive Forschung Individuen mit einer lokalen Gemeinschaft zusammenwebt und in dem dieses Kollektiv mit der Landschaft verwoben ist. Ein nächster Schritt sollte darin bestehen, das Projekt zu erweitern, um ökologisches Wissen zu verbreiten und zu aktivieren - ein Schritt in Richtung einer intelligenteren und fürsorglicheren Menschheit: einer "negro-tropischen" Zivilisation.


Das Buch steht zum kostenlosen Download unter zur Verfügung openhumanitiespress.org.

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