Ein Gegengewicht zum heutigen grausamen Mangel an Solidarität


Totalitarismus? Der anarcho-kommunistische Kritiker Franco Berardi glaubt, wir hätten Vernunft und Intelligenz als eine weltverändernde Kraft überschätzt.

Philosoph. Permanenter Literaturkritiker in MODERN TIMES. Übersetzer.
Email: andersdunker.contact@gmail.com
Veröffentlicht am: 2019
The Second Coming
Autor: Franco «Bifo» Berardi
Verlag: Polity Press, UK / US

Berardis neues Buch erscheint als Sammlung hektischer Notizen an der Schwelle einer neuen und gefährlichen Zeit, die leider unsere eigene ist, aber der verschwommenen Verschwörung heimtückischer Tendenzen der Zwischenkriegszeit auffallend ähnlich ist, einer historischen Hexenküche, in der ein allgegenwärtiges Chaos am Horizont droht. Er weist darauf hin, dass die Erfahrung der chaotischen Welt nicht so sehr auf ideologische Widersprüche zurückzuführen ist, sondern dass jeder einzelne mehr und mehr Informationen in einem sich beschleunigenden Tempo verarbeiten muss. Das Erleben von Chaos ist zum Teil ein subjektiver Effekt, obwohl die Ursachen objektiv sind. Historisch gesehen befinden wir uns gleichzeitig in einer historischen Phase des Umbruchs: Die relative Ordnung, die in den letzten 30 bis 40 Jahren vorherrschte und von der liberal-kapitalistischen Weltordnung dominiert wird, ist im Begriff zu platzen.

Jeder muss immer mehr Informationen in einem sich beschleunigenden Tempo verarbeiten.

Als anarcho-kommunistischer Kritiker und Aktivist hat Berardi seit seiner Teilnahme an der alternativen Arbeiterbewegung in den 1970er Jahren fortlaufend aktuelle Themen interpretiert. Er hat mehrere chaotische und Übergangsperioden durchlaufen: nicht nur die vielversprechende Ära des Aufstands gegen die Stagnation der radikalen Bewegung in der Thatcher-Ära. Er verfolgte auch aufmerksam die digitale Revolution, eine Zeit, die mit verführerischen Möglichkeiten verbunden war, sich aber nun Monopolen und Informationsmacht nähert. Wenn sich die Infrastruktur ändert, ändert sich auch die Erfahrung dessen, was möglich und notwendig ist. Stabile Pläne können im Handumdrehen verwirbelt werden, wenn sich die Zeiten ändern - was neue Möglichkeiten für Gutes und Schlechtes eröffnet.

Grund als Sklavenordner

Die Auflösung der liberalen Demokratie und die Wahl der halbdiktatorischen Führer sind laut Berardi auf einen aktiven und wütenden Drang zum Chaos zurückzuführen. Wenn die Leute das System um jeden Preis wieder auf Vordermann bringen wollen, sieht er es als Ergebnis einer Wut auf die demokratische Linke an, die sich nach Ansicht vieler an die Finanzeliten und -unternehmen verkauft hat, die sie in Schach halten sollten. Diejenigen, die sich für die neuen populistischen Leser entscheiden, haben Horkheimer und Adorno nicht gelesen, sondern in verdrehter Weise den Hauptpunkt von Dialektik der Aufklärung: Das idealisierte…


Lieber Leser. Sie haben jetzt die 3 kostenlosen Artikel des Monats gelesen. Also auch nicht einloggen Wenn Sie ein Abonnement haben oder uns durch ein Abonnement unterstützen Zeichnung für freien Zugang?