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Hausbesetzung und Basisanarchismus


BERLIN: Die 70er Jahre kehrten in vielerlei Hinsicht nach Berlin zurück, jedoch mit dem entgegengesetzten Vorzeichen: Der heutige Kampf gegen die brutale Stadtsanierung und den Abriss von vom Krieg zerstörten Wohngebäuden hat sich heute zu einem Kampf gegen Gentrifizierung und Wohnungsspekulation entwickelt.

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Kohler ist ein regelmäßiger Rezensent für MODERN TIMES.
Email: hansgkkohler@web.de
Veröffentlicht am: 2020

Anarchistische Gruppen spielten zu dieser Zeit eine entscheidende Rolle in der Stadtentwicklung und machen sie in der heutigen Situation nützlich: Vor einem Jahr besetzten Aktivisten zwei Wohnhäuser in der Reichenberger Straße in Kreuzberg nach einer Demonstration gegen höhere Mieten und Gentrifizierung. 20 000 Demonstranten teilgenommen. Insgesamt neun Häuser Berlin war an diesem Tag besetzt. Parallel zur Wohnungsnot steigt in der Berliner Bevölkerung die Sympathie für die Besetzung unbewohnter Häuser und Wohnungen. Im vergangenen Sommer kam es im besetzten Haus in der Liebigstraße 34 in Friedrichshain erneut zu Zusammenstößen zwischen feministischen und skeptischen Anarchistinnen und der Polizei. Von 1970 bis heute wurden mehr als 630 Häuser bewohnt. 200 davon wurden vom Senat der Stadt als Buchkollektiv legalisiert / genehmigt. Um die heutige Situation zu verstehen, muss man in die Zeit zurückblicken:

Links radikal autonom

Das Westberlin der 70er Jahre war von der Mauer umgeben, daher war die Nachfrage nach Wohnraum groß. Die Stadtregierung entschied, dass große Teile des alten und teilweise heruntergekommenen Gebäudebestands abgerissen und durch moderne Wohnblöcke ersetzt werden sollten (wie zum Beispiel am Kottbusser Tor in Kreuzberg zu sehen). Bis zum Abriss wurden baufällige Wohnungen und Häuser unter anderem angemessen an Studenten, Künstler und Wanderarbeiter aus der Türkei und Griechenland vermietet. Auch die linksradikale Szene versammelte sich aus den oben genannten Gründen im Bezirk Kreuzberg.

Neue Formen des Zusammenlebens wurden ausprobiert: Nachbarschaften, Kollektive und andere Initiativen machten den Bezirk bunt. Die Studentenbewegung, der Widerstand gegen den Vietnamkrieg und die Kritik am Kapitalismus prägten die Jugend Westberlins. Einer der Protagonisten der linken Szene war der Anarcho-Rocker Rio Reiser (Gruppe Ton, Steine, Scherben). Sein Lied "Might kaputt was euch kaputtmacht" (zerstöre was dich zerstört) wurde legendär.

Die linksradikale Szene versammelte sich im Bezirk Kreuzberg.

Die "Schlacht" (Räumung der Hausbewohner) bei Fraenkelufer in Kreuzberg im Jahr 1980 wird als Geburtsstunde der linken autonomen Aktivistenbewegung in Berlin bezeichnet. Über 200 Menschen wurden verletzt, 66 wurden festgenommen. Der Konflikt zwischen Staatsmacht und Anarchisten gipfelte 1981: Der 1984-jährige Klaus-Jürgen Rattay wurde von einem Bus überholt und starb nach Protesten gegen die Vertreibung von acht Bewohnern aus acht Häusern im Bezirk Schöneberg. Rattays Tod führte zu einer Änderung der Regierungspolitik in Bezug auf die Besetzungen. Anstelle von Räumung und Strafverfolgung entschieden sie sich von nun an, mit den Aktivisten zu verhandeln. XNUMX wurden zwei Drittel der Berufe legalisiert, ein Drittel beendet und die Bewohner von der Polizei vertrieben.

Foto: Hans-Georg Kohler

Fall der Mauer

Nach einigen ruhigeren Jahren bekam hocken neuer Wind in den Segeln. Der Fall der Mauer löste die zweite Besatzungswelle aus. Ungelöste rechtliche Bedingungen und viele ältere leere Häuser im östlichen Teil der Stadt führten den Löwenanteil der linksradikalen Szene nach Ostberlin. 1990 wurden im östlichen Teil der Stadt 120 Häuser bewohnt, darunter die Liebigstraße 14 und die Rigaer Straße 94, beide im Stadtteil Friedrichshain. Das Gebiet entwickelte sich allmählich zur Hochburg der linken Radikalen, die heute in ganz Europa bekannt sind. Bei der Vertreibung von Aktivisten im Jahr 1990 in der Mainzer Straße unter dem sozialistischen Bürgermeister Walter Momper berichteten mehrere Medien über bürgerkriegsähnliche Bedingungen. Die Situation verbesserte sich nach der Machtübernahme der Christdemokraten (CDU).

Die Studentenbewegung, der Widerstand gegen den Vietnamkrieg und die Kritik am Kapitalismus prägten die Jugend Westberlins.

Die Bewohner der Rigaer Straße 94 unterzeichneten 1992 einen Mietvertrag mit dem Hausbesitzer und der städtischen Wohnungsbaugesellschaft. 1999 wurden mehrere bewohnte Häuser in Rigaer und Liebigstraße von der Lila GbR gekauft, die neue Häuser mit einem ökologischen Wohnkonzept bauen wollte. Die Bewohner setzten sich zum Kontern. Einige Wohnungen wurden von der Polizei geräumt, aber es dauerte nicht lange, bis sie wieder besetzt wurden. Im Jahr 2011 wurde der Fall rechtlich behandelt und zur Räumung geführt. Im folgenden Jahr wurden 48 Polizisten bei einer Demonstration zum Jahrestag der Räumung verletzt. Der Kampf dauert noch an.

Die Proteste und Hausbesetzungen der 70er und 80er Jahre führten dazu, dass große Teile der alten Siedlung in Kreuzberg bis heute erhalten blieben.

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